Claire Grauer

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Was der Bereich Flüchtlingsarbeit von der EZ lernen kann

| 1 Kommentar

Die Parallelen zwischen EZ und der Flüchtlingsarbeit beschäftigen mich seit einiger Zeit sehr. Um meine Gedanken zu strukturieren, habe ich den folgenden Text geschrieben. Er ist als Entwurf zu verstehen, als Ausgangspunkt für eine hoffentlich umfangreichere Diskussion. Ich freue mich sehr über Kommentare und Anregungen, wie wir dies weiterentwickeln können.

Wenn ich in letzter Zeit Nachrichten zum Thema Flüchtlinge in Deutschland lese oder Diskussionen über die Flüchtlingsarbeit auf kommunaler Ebene führe, fällt mir auf, dass es hier erstaunlich viele Parallelen zu Diskussionen gibt, die seit Jahren innerhalb der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) geführt werden. Es wundert mich daher, dass es noch keine Debatte darüber gibt, dass im weiten Feld der EZ eine ungeheures Reservoir an Erfahrungen, Konzepten und nicht zuletzt Fachkräften besteht, die in der gegenwärtigen Situation zum Finden von Lösungen geeignet sind.*

Das betrifft einmal den Einsatz von Freiwilligen. Ohne diesen ginge es nicht, das steht außer Frage. Viele Probleme, die sich dabei auftun, sind Probleme, über die in der EZ seit Jahren diskutiert werden. Etwa die Tatsache, dass anfänglich sehr große Motivation schnell in Frustration umschlagen kann. Oder auch das Problem, dass gute Absichten alleine nicht ausreichen, worüber ich kürzlich bereits geschrieben habe.

Darüber hinaus geht es ganz allgemein um Kompetenzen, Instrumente und Wissen, das in der jetzigen Situation notwendig, aber auf vielen Ebenen nur unzureichend vorhanden ist. Angesichts der sehr schnell steigenden Flüchtlingszahlen und den damit verbundenen großen Herausforderungen, vor denen Kommunen, Initiativen und Einzelne stehen, kein Wunder. Genau hier aber bietet die EZ Vieles, was derzeit an anderen Stellen fehlt.

Was die EZ zu bieten hat (und das ist nicht wenig!)

Im gesamtgesellschaftlichen Diskurs führt die EZ ein Nischendasein. Wer sich außerhalb der üblichen Kreise bewegt, hat wenige Berührungspunkte mit dem Thema. Es gibt immer mehr Fairtrade-Produkte in den Supermärkten und sogar H&M verkauft jetzt Klamotten aus Biobaumwolle – aber denken Menschen deswegen intensiver über globale Zusammenhänge nach (was im Übrigen eng mit den gegenwärtigen Migrationsbewegungen zu tun hat)?

Die EZ muss sich – vermutlich seit ihren Anfängen – dafür rechtfertigen, dass es sie gibt. Fast ebenso lange muss sie damit leben, dass ihr vorgeworfen wird, dass sich trotz vieler Milliarden Euro in den meisten Ländern des Südens kaum etwas zum Besseren geändert habe.

Ja, Vieles läuft schief in der EZ. Und das wird, bleiben wir realistisch, auch weiterhin der Fall sein. Die EZ ist aber auch ein Bereich, in dem sehr zahlreiche, sehr kritische Diskussionen geführt werden. Die meisten mir bekannten in der EZ tätigen Menschen, reflektieren sich selbst und ihre Rolle sehr kritisch. Viele fühlen mitunter Unbehagen, im gegenwärtigen System mit all seinen Ungerechtigkeiten und Machtgefällen mitzumachen.

Die EZ ist aber auch ein Bereich, in dem seit Jahrzehnten die Zusammenarbeit im interkulturellen Kontext Alltag ist:

  • In der EZ-tätige wissen, warum (Veränderungs-)prozesse sehr häufig nicht so laufen, wie geplant.
  • Sie wissen, dass auch das vermeintlich kleinste Vorhaben sehr viel Zeit in Anspruch nehmen mag.
  • Sie haben Ahnung davon, wie sehr unterschiedliche Menschen eingebunden und in Projekten und Programmen koordiniert werden.
  • Sie können mit Frustration, Hilflosigkeit und sich sehr schnell ändernden Rahmenbedingungen umgehen.

Die aktuelle Situation in Deutschland ist daher eine, in der sich die EZ einmischen kann und sollte. Hier existiert ein so großer Erfahrungsschatz, der in sehr vielen Ländern der Welt erprobt und aufgebaut wurde. Er kann genutzt werden, um Überforderung zu mildern, Prozesse zu strukturieren und das Zusammenleben der „Aufnahmegesellschaft“ und der neu Ankommenden zu gestalten. Denn ein Kernthema der EZ ist ja, Veränderungsprozesse anzustoßen und (partizipativ, „auf Augenhöhe“) zu gestalten.

Viele gegenwärtige Probleme: Der EZ bestens bekannt!

Viele der in der Flüchtlingsarbeit derzeit wahrgenommenen Probleme, die zu hoher Frustration unter den Beteiligten führen, sind der EZ nur allzu gut bekannt:

  • Es läuft nicht, wie geplant: Projekte und Vorhaben laufen anders als geplant oder viel langsamer. Die beteiligten Menschen, („Zielgruppen“), haben keine Lust, mitzumachen oder würdigen scheinbar nicht, was ihnen angeboten wird. Oft liegt dies daran, dass sie nicht gefragt wurden, was oder ob sie überhaupt mitmachen wollen. Oder dass diejenigen, die für die Planung und Durchführung von Vorhaben zuständig sind, sich nicht ausreichend mit gesellschaftlichen Strukturen oder Machtverhältnissen auskennen. Oder dass einfach niemand weiß, dass Informationen nicht an Pinnwänden ausgehängt, sondern besser mündlich weitergetragen werden müssen.
  • Schwierigkeiten in der Koordination: Häufig höre ich Klagen, dass es an Absprachen und Koordination fehlt. Ehrenamtliche und Hauptamtliche, Einrichtungen untereinander, Städte, Landkreise und das BAMF, alle beklagen sich, dass man kaum etwas voneinander weiß, sich nicht hört, vieles doppelt, anderes gar nicht erledigt wird.In der EZ ist es das tägliche Brot, sehr unterschiedliche AkteurInnen anzusprechen, zu vernetzen und miteinander in Kooperationen zu bringen, etwa aus der Verwaltung sowie aus nichtstaatlichen, kirchlichen und vielen weiteren Kontexten.
  • Warum wird meine Spende nicht gewürdigt? Viele Menschen spenden Kleidung, Geschirr, Spielsachen, etc. Nicht immer wird dies dort, wo es gespendet wird, gebraucht. International passiert dies auch immer wieder, z.B. mit der Bereitstellung von Gebäuden, Mobiliar, oder Computerzubehör für Schulen. Die Spenden geschehen aus dem Gedanken heraus „die haben ja nichts, die können alles brauchen.“ Aber ist das wirklich so? Um zu wissen, was „sie“ brauchen, müssen wir sie fragen. Aber wie? In der EZ sind eine Vielzahl an partizipativen Instrumenten etwa zur Bedarfserhebung, zur Projektplanung oder zur Evaluierung von Vorhaben entwickelt worden. Diese sind alle in Ländern weltweit erprobt. Viele eigenen sich zur Arbeit mit Menschen, die kaum oder gar nicht alphabetisiert sind oder es nicht gewohnt sind, mit unserer westlichen schriftlich-linearen Tabellen- oder Listen-Mentalität zu arbeiten.

„Wir“ und „sie“: Vom Umgang miteinander:

Ein wichtiges Thema in der Begegnung zwischen „uns“ (Deutschen) und „ihnen“ (Flüchtlingen) ist der Umgang von Menschen miteinander. Seien es Ehrenamtliche, die sich in Flüchtlingsprojekten engagieren, MitarbeiterInnen in Kommunalverwaltungen, die nun viele Flüchtlinge beraten müssen oder auch Menschen, die nun immer mehr neu Ankommende in ihrer Nachbarschaft erleben.

Auch in der EZ ist die Begegnung „sie“ (Menschen in Ländern des globalen Südens) und „wir“ (ExpertInnen aus dem Norden) Basis der Begegnung. Sie schafft immer ein Machtgefälle. Auch wenn wir schon lange eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ anstreben – erreicht ist diese in vielen Fällen nicht. Denn wer das Geld hat, hat die Macht. Und das Geld für die Vorhaben der EZ kommt eben überwiegend aus den Ländern des Nordens.

Auch in der Begegnung mit Flüchtlingen befinden wir uns in einer Machtsituation. „Wir“ (Deutschen/in Deutschland Lebende) haben einen sicheren Aufenthaltsstatus, wir kennen uns mit den hiesigen Strukturen aus, sprechen die Sprache, haben Familie, Wohnung, Job, etc. Sehr viele Menschen, die dieser Tage ankommen, kennen sich nicht aus, sprechen kein Deutsch, sind entwurzelt, vermissen ihre Familie, haben vielleicht Angehörige verloren.

Das mag manche HelferIn vergessen lassen, dass es sich um erwachsene Menschen handelt, denen ich so begegnen sollte, wie ich es jeder anderen erwachsenen Person tue. Flüchtlinge sind keine passiven Opfer, sondern Akteure ihres eigenen Lebens.

Es ist also notwendig, dass auch die Helfenden ihr Verhältnis zu denjenigen Menschen, denen sie helfen wollen, reflektieren. Und dass sie anerkennen, dass es Grenzen gibt, an die man immer wieder stößt. Nur so erfährt man sie. In der interkulturellen Begegnung passiert dies laufend – auch wenn man sich ein wenig oder sogar jahrelang damit auseinandergesetzt hat. Man ist dann aber besser vorbereitet und kann Frustration vorbeugen.

Gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit

Der gegenwärtige Prozess der Aufnahme vieler Menschen in unserer Gesellschaft wird auch „uns allen“ etwas abverlangen. Das ist es vermutlich, was vielen Menschen, die dem Zuzug von Menschen aus anderen Ländern kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, Angst macht. Das will ich ihnen auch nicht absprechen. Gerade deswegen aber ist es notwendig, einen gesellschaftlichen Dialog darüber zu führen, wie wir das Beste aus der Situation machen können. Denn die Situation ist derzeit, wie sie ist. Daher müssen wir Szenarien entwickeln, wie wir die dadurch anlaufenden Prozesse der geselschaftlichen Veränderung und für möglichst alle Beteiligten („uns“ statt „wir“ und „sie“) bestmöglich gestalten können.

Dies wird viel Zeit brauchen. Und die EZ kennt sich aus mit der Umsetzung großer Vorhaben und dem Umgang mit unvorhergesehenen Entwicklungen. Viele der nun von Institutionen, Kommunen und Ehrenamtlichen angestoßenen Vorhaben werden scheitern oder zumindest nicht nach Plan ablaufen: In der EZ an der Tagesordnung.

Obwohl das Standardprojekt in der EZ etwa 3 Jahre dauert, wissen die allermeisten PraktikerInnen, dass Veränderungsprozesse viel, viel länger brauchen. Entsprechend werden auch die Prozesse rund um die Aufnahme und „Integration“ der Flüchtlinge sehr viel Zeit benötigen. Viele Faktoren, darunter viele, die wir derzeit noch gar nicht bedenken mögen, werden dabei eine Rolle spielen. Und doch werden wir irgendwo ankommen. Der Weg ist das Ziel und die EZ kennt Wege, damit umzugehen, dass der Weg der Veränderung kurvig und steinig ist.

Was die EZ konkret tun könnte

    • EZ-Erfahrene als MultiplikatorInnen, TrainerInnen einsetzen: In der EZ-Tätige (oder ehemalig Tätige) kennen sich aus in der interkulturellen zusammenarbeit und wissen auch um die damit verbundenen Ängste, Schwierigkeiten und Unsicherheiten. In Angeboten für Ehrenamtliche wie auch Hauptamtliche können sie vorbereiten und begleiten, damit weniger Frustration und gegenseitiges Unverständnis in der interkulturellen Begegnung vorkommt.
    • Erarbeitung/Bereitstellung und Unterstützung bei der Anwendung von Materialien und Instrumenten, etwa zur partizipativen Bedarfserhebung
    • Erarbeitung von Handreichungen mit Erfahrungen aus EZ und Nothilfe (z.B. was das Zusammenleben von Menschen in Not- und Massenunterkünften betrifft)
    • Einsatz von ExpertInnen und/oder Instrumenten in der Koordination unterschiedlicher AkteurInnen
    • Dialoge führen mit EntscheiderInnen, Haupt- und Ehrenamtlichen zum Austausch über Erfahrungen und Bedarfe
    • Ideen willkommen!

Ein Kommentar

  1. Wirklich interessante Überlegungen. Auch in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit ist man oft mit anderen Wissenschaftskulturen konfrontiert, besonders auch bei der Feldforschung. Dazu gibt es viele Erfahrungen, die beachtenswert sind.
    Brunei Darussalam, 5.11.15

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