Claire Grauer

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Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Zur Spendenbereitschaft in der Flüchtlingsarbeit

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Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Das erleben zahlreiche Aktive gerade tagtäglich bei Projekten der Flüchtlingshilfe. Heute morgen hörte ich im Radio, dass eine Freiwillige in Hamburg Hausverbot in einer Erstaufnahmeeinrichtung erhalten hat.

Ohne die Hintergründe zu kennen, erinnerte mich das sehr an die Entwicklungszusammenarbeit, wo wir seit Jahren darüber diskutieren, ob dass viele gut gemeinte Initiativen oft mehr Schaden als Nutzen bringen. Viele Menschen kommen mit viel Engagement und Tatkraft zu ihren Projekten – aber manchmal kommt der Einzelfall „meines Projektes“ in Konflikt mit dem größeren Kontext einer Hilfsaktion.

Beispielsweise bei Spenden von Schuhen oder Unterwäsche (einfach mal „bra“ „donate“ „africa“ oder auch „bad aid“ googeln), um die Darstellung anderer Menschen auf Spendenplakaten oder auch die fehlende Koordination sehr großer Hilfseinsätze, etwa nach dem Tsunami 2005 in Südostasien oder dem Erdbeben 2010 in Haiti. [Zu den treibenden Kräften der internationalen Diskussion gehört Saundra Schimmelpfennig mit ihrem Projekt „good intentions are not enough“, die inzwischen hier bloggt.]

Es geht nicht ohne Hilfe – aber sie muss koordiniert und bedarfsorientiert sein

Es ist beeindruckend, wie viele Menschen in Deutschland und anderen europäischen Ländern angesichts der vielen ankommenden Flüchtlinge Hilfsbereitschaft zeigen, sei es durch Spenden oder durch persönlichen Einsatz in Unterkünften und Initiativen. Die SZ schreibt ganz richtig, dass es ohne Einsatz Freiwilliger gar nicht gelänge, alle Ankommenden zu versorgen – mit Dingen des täglichen Bedarfs wie auch mit Informationen, Sprachkursen oder einfach einem freundlichen Lächeln.

Da ist es verständlich, wenn es sowohl unter der großen Anzahl Ehrenamtlicher zu Konflikten kommt, als auch zu Konflikten zwischen Ehren- und Hauptamtlichen. Das ist eine schwierige Situation, denn alle wollen helfen und sehen den großen Bedarf – verfolgen aber u.U. unterschiedliche Wege und sind auch an unterschiedliche Bestimmungen gebunden. Ehrenamtliche sind ggfs. freier in dem, was sie tun (können) – müssen sich aber auch in Erinnerung rufen, dass sie im Prinzip Gäste sind, die die Hauptamtlichen unterstützen. Sie sollen nicht deren Jobs machen.

Sachspenden: „Nichts haben“ bedeutet nicht „ich kann alles gebrauchen“

Ähnlich gelagert ist es mit Sachspenden. Auch hier ist nicht alles, was gut gemeint ist, auch wirklich der Sache förderlich. Große Hilfseinsätze wie für das Berliner LaGeSo oder die Hamburger Messehallen haben tagesaktuelle Online-Bedarfslisten. Die allermeisten anderen Einrichtungen werden ebenfalls Auskunft darüber geben können, was sie benötigen. Einfach kurz anrufen.

Es werden nämlich trotzdem sehr viele Dinge gespendet, die nicht benötigt werden. (Auch in anderen Ländern ist das ein Problem). Aus eigener Erfahrung, Mithilfe im Kleidertreff einer örtlichen Flüchtlingsunterkunft, kenne ich dies. Teils werden rührig Lieblingsklamotten abgegeben, die nicht mehr passen und jahrelang im Schrank lagen – dann aber auch Sachen, bei denen wir uns fragen: Warum? Eine Kiste mit Pferdedecken? Fleckige Kopfkissen, zerlöcherte Sporthosen, getragene Unterwäsche, …

Auch wer nichts hat, hat noch seine Würde

Vermutlich nehmen viele SpenderInnen an, dass Flüchtlinge, die seit Wochen, Monaten oder Jahren auf der Flucht waren, sich einfach über alles freuen – denn „sie haben ja nichts“. Aber woher glauben wir, dies zu wissen? Und rechtfertigt dies, kaputte, schmutzige, hässliche Dinge zu spenden oder Dinge, die gerade einfach nicht gebraucht werden, aber Lager- und Arbeitszeitressourcen verbrauchen?

Es stimmt, Flüchtlingen fehlt es an vielem. Sie wollen aber auch ihre Menschenwürde bewahren, denn niemand ist gerne auf Spenden angewiesen.

Was würde ich in dieser Situation wollen?

Ein guter Ratgeber für (Sach-)Spenden: Würde ich dieses T-Shirt/Kopfkissen/Rucksack auch annehmen wollen? Gebrauchte Kleidung ist vollkommen in Ordnung und notwendig, aber ordentlich aussehen sollten sie schon. Und gerade für jüngere Menschen auch einigermaßen modern.

Daher: Bevor Ihr etwas spendet, fragt lieber nochmals nach, was genau benötigt wird und welche Menschen zur Zielgruppe gehören. Leben in einer Unterkunft zu 80% junge Männer, macht es wenig Sinn, Damenoberteile oder XXL-Cordhosen zu spenden.

Nochmals, ich finde es wirklich beeindruckend, wie viele Menschen helfen wollen – nur ist es wirklich wichtig, dass die Hilfe am Bedarf ausgerichtet wird. Sonst bindet sie nämlich wiederum Kapazitäten, die anderswo benötigt werden, wenn etwa nicht benötigte gespendete Sachen erst sortiert und ggfs. umverteilt werden müssen.

 

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