Claire Grauer

Förderanträge | Beratung | Globales Lernen

Rezension: „Tansania“ von Thilo Thielke

| 1 Kommentar

showcover

Keine Leseempfehlung. Leider. Quelle: Brandes & Apsel

Ich hatte mich sehr darauf gefreut, etwas über das heutige Tansania zu lesen, ist es doch leider einige Jahre her, dass ich zuletzt vor Ort war. Thilo Thielkes „Tansania“ hat mir die Vorfreude leider gründlich vermiest, denn dieses Buch zu lesen ist reine Zeitverschwendung.

Schon der Untertitel („Reportagen und Reiseberichte aus dem Herzen Ostafrikas“) verspricht etwas, was das Buch nicht einhält. Besser wäre etwas wie „Ein tiefer Griff in die Klischeekiste des Auslandskorrespondenten“.

Statt „Reportagen und Reiseberichte“ behandelt ein gutes Drittel des Buches die üblichen Kapitel der Kolonialgeschichte. Der Ton des Autors lässt dabei vermuten, er wünsche sich diese Epoche zurück. Ein weiteres Drittel besteht aus Abhandlungen über Elfenbeinhandel, Jagdtourismus sowie Sinn oder Unsinn der Entwicklungshilfe. Und der Rest – ja der Rest behandelt Tansania – und zwar aus einer mehr als respektlosen Perspektive.

Thilo Thielke hat sich eine Lodge in Tansania gekauft, die, wie er schreibt, ihn und seine Familie vermutlich nie wird ernähren können. So liegt der Verdacht nahe, dass das Geld anderswo her kommen muss, etwa mit dem Wiederverwerten vorhandener Textstücke, garniert mit einigen Anekdoten über korrupte und faule Tansanier, die, wie auf dem „dunklen Kontinent“ üblich, sich keine Gelegenheit entgehen lassen, die freundlichen Weißen, die mit hehren Absichten ins Land gekommen sind, übers Ohr zu hauen.

Ein Klischee reiht sich ans nächste

Die Texte wimmeln dann auch von rassistischen Klischees: Der „schwarze Kontinent“, „Stammeskrieger“, „pechschwarze Askaris“, „durchgeknallte Kindermilizen“ sind nur einige davon. HIV/AIDS verbreitet sich, weil „sie“ (die Massai) keine Sexualmoral haben und es ist „nicht leicht, Afrikanern Tierschutz beizubringen“ („die Araber“ und „die Chinesen“ kommen übrigens auch nicht gut weg).

Nur die Weißen werden als Helden des afrikanischen Alltags portraitiert. Sie retten Elefanten, leben als selbstlose Ärzte oder tatkräftige Farmerinnen im Busch und retten als Waisenhaus-Mama die kleinen Kinder, wie das kleine Mädchen, das „spürt, dass sie [„die Fremden“] helfen wollen“.

Ärgerlich, traurig, unnötig

Als gelernter Auslandskorrespondent sollte sich Thilo Thiele bewusst sein, welche Bilder er erzeugt und verbreitet. Es ist einfach nur traurig, im Jahr 2015 noch solche Texte lesen zu müssen. Traurig auch, diese in einem renommierten Verlag wie Brandes & Apsel zu finden.

Wie jede Gesellschaft hat auch die tansanische sehr viele Facetten, und die dunklen gehören – wie überall – dazu. Sich aber derart auf alles Negative zu stürzen und Positives nur im Zusammenhang mit den Aktionen von EuropäerInnen zu berichten ist einfach pure Ignoranz. Vielleicht sollte der Autor in der von ihm gegründeten Sprachschule einmal richtig Swahili lernen, um sich mit den TansanierInnen aus seiner Umgebung unterhalten zu können. Dann wäre er vielleicht eher in der Lage, das tansanische Alltagsleben zu verstehen.

Sehr ärgerlich ist auch das nachlässige Lektorat. Hinlänglich dürfte inzwischen bekannt sein, dass die Maasai keinesfalls „Massai“ geschrieben werden. Auch weitere Fehler (der frühere tansanische Präsident etwa heißt Mkapa, nicht Mpaka) oder die Verwendung von Ausdrücken wie „Mohammedaner“ sind unnötig.

Das Tansania und die TansanierInnen, die ich kenne, sind eine andere Welt als die von Thilo Thielke beschriebene. Denn auch abseits von Waisenhäusern, korrupten Beamten oder Wilderern gibt es in Tansania interessante Menschen, deren Geschichten sich spannend erzählen lassen, ohne dabei gängige Klischees weiter auswalzen zu müssen.

Man muss dazu nur mit den Menschen reden und sich ein wenig mehr Zeit nehmen, als es der übliche Auslandskorrespondententakt erlaubt. Und vielleicht zwei, dreimal hinschauen, dann erscheinen viele Dinge plötzlich ganz anders als beim ersten Mal. Ein Beispiel sind die Dokumentationen von Maweni Farm, die sich den Menschen Tansanias auf eine ganz andere Weise, mit Respekt und Interesse, nähern.

Thilo Thielke
Tansania
Reportagen und Reiseberichte aus dem Herzen Ostafrikas
Brandes & Apsel
ISBN 9783955581107
19,90 Euro

Brandes und Apsel hat mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Ein Kommentar

  1. „Massai“ ist laut dem Duden eine gültige Schreibweise. Man mag bedauern, dass sich Eigenbezeichnungen (die in diesem Fall auch gültig wäre) nicht durchsetzen, aber ein Fall für den Lektor ist das hier nicht. Ansonsten wird es wohl beim Autor in der Tat sprachlich ziemlich deftig, wie auch bei seinen Beiträgen bei der „Achse des Guten“ zu sehen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.