Claire Grauer

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Das heikle Thema Verwaltungskosten

| 6 Kommentare

Dieser TED-Talk von Dan Pallotta macht derzeit die Runde und wird vielerorts kritisch diskutiert, etwa in den Kommentaren auf der TED-Seite oder bei LinkedIn. Ich würde mich freuen, wenn auch im deutschsprachigen Raum einmal wieder – gerne auch kontrovers – über das Thema „Overheads“, zu deutsch Verwaltungskosten gesprochen würde.

Pallotta spricht sich dafür aus, die strikte Trennung zwischen gemeinnützigen Organisationen (Non-Profits, NPO) und „For-Profits“ aufzuheben, bzw. die Maßstäbe, die für Non-Profits gelten, neu zu justieren. Dazu gehört für ihn etwa, Gewinnstreben nicht mehr grundsätzlich als bedenklich zu werten und dies auch „do gooders“ zu ermöglichen. Ferner kritisiert er die tief verwurzelte Auffassung, dass von Non-Profits immerzu Erfolge erwartet und „Fehler“ bzw. nicht erreichte Ziele von SpenderInnen sofort sanktioniert werden. Dies, so Pallotta, verursache ein konservatives und innovationsfeindliches Klima, wohingegen For-Profits vor allem in ihrer Start-up-Phase das Eingehen von teils hohen Risiken zugestanden wird, was wiederum Innovationen erst ermöglicht.

Man kann Pallottas Thesen durchaus kontrovers diskutieren, was ja auch bereits geschieht. Ein Punkt, den ich besonders wichtig finde, ist die Diskussion über das Thema Verwaltungskosten von Spendenorganisationen oder NGOs.

Verwaltungskosten oder Overheads – immer ein heikles Thema: Gemeinnützige Organisationen, Hilfsorganisationen und Vereine sind i.d.R. bestrebt, die Verwaltungskosten möglichst gering zu halten, da gemeinhin die Ansicht herrscht, seriöse Organisationen müssten möglichst wenig für Verwaltung ausgeben. Viele (meist eher kleine) NGOs und Spendenorganisationen werben mit Aussagen wie „bei uns wird jeder Euro weitergeleitet“, „alle Spenden kommen zu 100% an“, etc..

Aber gibt es wirklich eine „0 Prozent“-Marke? Und: Wie hoch dürfen Verwaltungskosten überhaupt sein?

Verwaltungskosten: Wann sind sie „angemessen“?

Es schwierig, die Angemessenheit von Overheads zu bewerten, obwohl es einige Richtwerte gibt:

  • Die Richtlinien des Spendensiegels des Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen (DZI) gibt vor, dass maximal 35 Prozent der Spendeneinnahmen für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben werden dürfen (das DZI wertet dabei Ausgaben zwischen 5 und unter 20 Prozent als „angemessen“, solche zwischen 20 und 35 Prozent „vertretbar“).
  • Der Deutsche Spendenrat macht keine Angaben bezüglich der Höhe von Verwaltungskosten, erkennt allerdings an, dass „Gemeinnütziges Tun […] heutzutage ohne eine Verwaltung mit den für sie typischen Kosten undenkbar“ ist. (PDF)
  •  Charity Navigator, die größte US-Spendenbewertungs-Organisation, setzt 25 Prozent Verwaltungskosten als vertretbares Maximum bei Spendenorganisationen an

„100% Ihrer Spende kommen an“ – geht das überhaupt?

Grundsätzlich ist die Gleichung „Höhe der Verwaltungskosten“ = „Anzeichen für Seriosität“ als äußerst schwierig anzusehen, denn jede Organisation arbeitet unter anderen Bedingungen. Manche arbeiten mit wenig Personal und benötigen wenige Ressourcen, andere setzen Projekte um, an denen SpezialistInnen arbeiten oder für die teure Ausrüstung benötigt wird. Gerade wenn eine Spendenorganisation nicht mehr lokal begrenzt und mit hauptamtlichem Personal arbeitet, lässt sich ein „100 Prozent der Spenden kommen an“ nicht mehr aufrechterhalten.

Nur sehr kleine, lokal begrenzt arbeitende Vereine oder NPOs, die sich rein ehrenamtlich tragen, können dies wirklich umsetzen. Selbst das Ehrenamt „kostet“ etwas, nämlich die Zeit, welche die Leistenden investieren (können). Außerdem benötigen auch rein ehrenamtlich arbeitende NGOs eine Infrastruktur für ihre Arbeit, angefangen bei Laptop und Papier zum Schreiben eines Projektantrags bis hin zu den Reisekosten, gleich ob Projekte im Ausland besucht oder die eigene Initiative bei einer Veranstaltung in der Kreisstadt präsentiert werden sollen.

Einen weiteren wichtigen Punkt spricht auch Dan Pallotta an: Gehälter. Wenn Organisationen mit hauptamtlichem Personal arbeiten, i.d.R. gut ausgebildete und engagierte Menschen, dann verdienen diese es, ausreichend bezahlt zu werden. Da Gehälter im Non-Profit-Bereich oft sehr niedrig sind, sieht Pallotta hier die Gefahr, dass viele besonders fähige Leute lieber in anderen Branchen arbeiten. Hier bin ich auch seiner Meinung: Gute Arbeit kostet gutes Geld – was bedeutet, dass gemeinnützige Organisationen sich nicht aus Sorge um die Höhe der Verwaltungskosten gezwungen sehen sollten, Gehälter zu deckeln.

Wie aussagekräftig sind Verwaltungskosten?

Die US-Spendenexpertin Saundra Schimmelpfenning hat sich ausführlich mit der Aussagekraft von Verwaltungskosten beschäftigt (leider wird sie ihre großartige Website voraussichtlich Ende 2013 einstellen). Sie ist ebenfalls der Meinung, dass Verwaltungskosten von NGOs kein ausreichender Indikator für die Qualität der Arbeit sind.

Hier ein Beispiel: Die Reduktion von Verwaltungskosten in unserem Privathaushalt. Würde man rein auf die Kosten schauen, wäre es zunächst extrem teuer, eine Küche in einem Haus einzurichten. Man benötigt einen Raum, spezielle Ausgestattung, hohe Betriebskosten (Strom und Wasser) und regelmäßig fallen Wartungsarbeiten und „Personalkosten“ (Kochen, Spülen, Einkaufen) an. Stattdessen ist es problemlos möglich, unterwegs zu essen oder den Lieferdienst kommen zu lassen. Längerfristig ist der Einbau einer Küche möglicherweise günstiger – doch zunächst bedarf es einer vergleichsweise großen Investition, die sich erst nach Jahren des Fastfoodessens bezahlt machen würde.

Hier auch noch einmal ein Beispiel, wie Verwaltungskosten willkürlich schöngerechnet werden können und daher irreführend sind.

Vor jeder Spende ratsam: Ein Blick hinter die Verwaltungskosten

Der Umkehrschluss wonach es grundsätzlich in Ordnung ist, möglichst hohe Verwaltungskosten zu haben, ist natürlich nicht richtig. Grundsätzlich sollte man in jedem Bereich verantwortungsvoll mit dem vorhandenen Mitteln umgehen. Ich finde es jedoch immens wichtig, darüber zu diskutieren, dass die Höhe der Verwaltungskosten alleine niemals ein Indikator für die Qualität oder Seriosität der Arbeit einer Organisation sein kann.

Dies verlangt uns als SpenderInnen Einiges an kritischem Bewusstsein und an Arbeit ab, denn wir sind dazu aufgerufen, uns kritisch mit der Arbeitsweise der von uns bevorzugten NGOs auseinanderzusetzen. Für gemeinnützige Organisationen hätte eine realistischere Erwartungshaltung bezüglich der Verwaltungskosten jedoch den Vorteil, dass sie ihre Arbeit ehrlich darstellen können und ihnen mehr Verständnis für höhere Ausgaben, die unter bestimmten Umständen durchaus ihre Berechtigung haben können, entgegengebracht wird.

6 Kommentare

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  3. Danke fuer diesen Artikel im Deutschsprachigen Raum. Ich war fuer eine Weile as Fundraiserin beschaeftigt und dieser „Verwatlungskostengeiz“ hat mich immer genervt. Gute Arbeit sollte angemessen bezahlt werden. Basta!

  4. Liebe Claire,
    Ich schlisse mich Katharina sehr gerne an.
    Vielen Dank für den Beitrag.
    Vor Ostern hatte ich ein Gespräch mit einem Vertreter eines Vereins. Der Verein will mehr Projekte umsetzen, mehr Spenden erhalten, also mehr bewegen.
    Dann kam die Frage: „Würdest Du den Auftrag übernehmen, unsere Organisation zu beraten?“
    Ich habe mich bereit erklärt das zu machen. Es ist mein Job.
    Dann kam die Behauptung: „Du willst bezahlt werden. Wir werden im Vorstand sehr wahrscheinlich auf Widerstände stoßen: Wir sind alle Ehrenamtliche.“
    Mein Antwort war ungefähr: „Klar will ich bezahlt werden. Wollt ihr mehr erreichen, dann sind Investitionen notwendig. Und Arbeit ist Arbeit und muss bezahlt werden.“
    Interessanterweise gibt es Vereine, die Hardware/Maschinen gerne kaufen und Schwierigkeiten haben, Personal mit Geld zu belohnen.
    Viele Grüße.

  5. Vielen Dank, dass Ihr Eure Erfahrungen hier teilt. Wie ich im Text schrieb: Eine ausführliche und ehrliche Diskussion scheint überfällig zu sein!

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