Claire Grauer

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HIV und AIDS in Tansania 12 Jahre danach. Eine Erfolgsgeschichte?

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Hostel in Mbeya, Tansania: „Wir begrüßen Gäste, die sich vor HIV/AIDS fürchten“ (Foto: C. Grauer)

Im Rahmen eines Seminars über „Bevölkerungspolitik und Reproduktive Gesundheit“ am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Gießen war ich eingeladen, einen Vortrag mit anschließender Diskussion zu „Frauen und AIDS in Tansania“ zu halten. Vor fast 11 Jahren habe ich meine Magisterarbeit darüber geschrieben (PDF-Link), basierend auf meiner Feldforschung im Jahr 2004.

In den letzten Jahren habe ich mich (leider) recht wenig mit den Themen HIV/AIDS bzw. Public Health im Allgemeinen befasst, daher war dies eine willkommene Gelegenheit, meine Kenntnisse zu überprüfen und mich ein wenig über aktuelle Trends zu informieren.

HIV/AIDS: Trendumkehr in Tansania?

Besonders interessant fand ich, dass sich innerhalb von gut 10 Jahren der Trend bei HIV/AIDS in Tansania quasi umgekehrt hat. In meiner Arbeit zitiere ich Zahlen, wonach die HIV-Prävalenz in Tansania bei etwa 8,8% bei steigender Tendenz betrug. Heute sind es 5%. Das sind in absoluten Zahlen rund 1,4 Mio. TansanierInnen, die HIV positiv sind. Anders als vor 10 Jahren haben aber die meisten zumindest theoretisch Zugang zu antiretroviralen Medikamenten.

HIV/AIDS ist in Tansania weiterhin eine heterosexuelle Epidemie (rund 80% der Übertragungen erfolgen auf diesem Weg). Am zweithäufigsten ist die Mutter-zu-Kind-Übertragung; 18% der Ansteckungen geschehen hierüber.

Weiterhin sind Frauen häufiger von HIV-Infektionen betroffen als Männer. Auch dies war schon vor 12 Jahren so.

Anlass zu vorsichtigem Optimismus?

Ich finde es bemerkenswert, dass es vielen Ländern Afrikas gelungen ist, die Epidemie einzudämmen, v.a. die Länder des östlichen und südlichen Afrikas (siehe hier z.B. die Beispiele Simbabwe, Malawi oder, mit Einschränkungen, Uganda). In West- und Zentralafrika sieht es derzeit leider anders aus.

Ein großer Meilenstein ist natürlich die zunehmende Verfügbarkeit von antiretroviralen Medikamenten, durch die eine HIV-Infektion nicht mehr automatisch zum baldigen Todesfall führen muss. Schwierig ist jedoch, dass die ARV-Programme aller betroffenen Staaten fast ausschließlich von externen Gebern wie dem Global Fund und weiterer Geberorganisationen finanziert werden und die chronisch unterfinanzierten lokalen Gesundheitssysteme dies auch auf lange Sicht nicht selbst leisten können.

Außerdem kommt es immer wieder zu Engpässen in der Versorgung, wie z.B. 2014 in Tansania, wo Betroffene in acht Regionen des Landes zeitweise keine Medikamente erhielten (deren strikt regelmäßige Einnahme aber Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist). (Link zum ausführlichen Bericht der tansanischen NGO Sikika zur Untersuchung der Ursachen).

Die wichtige Rolle des öffentlichen Diskurses

Schild bei GTZ Mbeya 3

Große Informationstafeln mit Anti-HIV-Verhaltensregeln sind in vielen Ländern Afrikas Teil des öffentlichen Raumes (Mbeya, Tansania; Foto: C. Grauer)

In meiner Magisterarbeit habe ich mich damit befasst, wie Frauen als Akteurinnen im Kontext der HIV/AIDS-Epidemie aktiv werden. In Medien- und auch Entwicklungsdiskursen kommen sie häufig nur als Opfer vor. In der tansanischen NGO, die ich über mehrere Monate begleitet habe, habe ich dies anders erlebt. Frauen haben hier aktiv ihre eigene Strategie im Kampf gegen HIV/AIDS entwickelt und umgesetzt. Dadurch haben sie dazu beigetragen das Thema in den öffentlichen Diskurs einfließen zu lassen. Und sie haben für sich selbst neue gesellschaftliche Rollen geschaffen, nämlich die als Expertinnen und bezahlte Führungs- und Fachkräfte.

Gründe für die Eindämmung HIV/AIDS-Epidemie sind neben verbessertem Zugang zu medizinischen Dienstleistungen vor allem kontinuierliche Aufklärungs- und Informationsarbeit – sowohl von staatlichen als auch insbesondere von nichtstaatlichen Organisationen. Aus meiner langjährigen Erfahrung in Forschung und Projektarbeit in Tansania und anderen Ländern bin ich der Ansicht, dass es gerade bei einem Tabuthema wie HIV/AIDS, das ja sehr intime Bereiche des menschlichen Lebens betrifft, sehr wichtig ist, einen dauerhaften gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Dies wiederum geschieht am besten, wenn möglichst viele gesellschaftlichen Gruppen einbezogen werden und dies eben über Jahre hinweg kontinuierlich.

Auch Marginalisierte müssen mit einbezogen werden

Seit über 30 Jahren ist die AIDS-Epidemie eine Konstante im Alltag vieler Länder insbesondere Ostafrikas. Vom Katastrophenszenario ist man inzwischen zu einer Rhetorik der Hoffnung übergegangen, was, wie ich denke, auch damit zu tun hat, dass es in den meisten Ländern inzwischen sehr viele Informationsangebote gibt und das Wissen der Menschen konstant größer wird.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die Menschen der betroffenen Gesellschaften sehr jung sind (50% der TansanierInnen sind zwischen 0 und 17 Jahre alt). Sie sind mit der Thematik aufgewachsen und HIV/AIDS war immer ein Thema im Alltag und im öffentlichen Raum (etwa durch Medienkampagnen). Dies ist zunächst eine neue Forschungshyptohese lediglich Spekulation, die einer Überprüfung bedürfte.

Von einer wirklichen Erfolgsgeschichte kann man allerdings erst dann sprechen, wenn sich die Neuinfektionen im sehr kleinen einstelligen Prozentbereich bewegen. Dazu müssten die Interventionen auch noch weit barrierefreier gestaltet werden. Häufig werden marginalisierte Gruppen wie etwa Homosexuelle oder Menschen mit Behinderungen nicht in die HIV/AIDS-Arbeit mit einbezogen, obwohl sie genauso oder sogar überdurchschnittlich häufig wie die übrige Bevölkerung eines Landes von der Epidemie betroffen sind.

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