Claire Grauer

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„Au ja! „… und dann?“ Projektentwicklung mit Improvisationstheater

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Improvisation, Tempe AZ

Quelle: flickr (Nick Bastian)

„Och nöö…“

Wer kennt das nicht? Man wirft eine tolle Idee in die Runde – Teamsitzung, Freunde, Familie –  und kassiert sofort ablehnende Kommentare („och nöö…“ „das wird niemals funktionieren…“). Man ist demotiviert. Und schlussendlich ändert sich: Nichts.

Geht es darum, ein neues Projekt oder sonstiges Vorhaben zu planen, kann dieses anfängliche „Och nöö“ den Prozess von Anfang an ausbremsen. Zwar gehören die Zögerer und Zauderinnen (die „Beobachter“ im Teammodell von Belbin) zu jedem Team. Sie spielen wie alle anderen eine wichtige Rolle, um ein Team in der Balance zu halten und sollten ebenso Anerkennung erfahren wie die „Erfinder“ oder „Spezialisten“, die mit ihren Ideen und ihrer Extrovertiertheit eher hervorstechen. Gerade zu Anfang einer Projektplanungs-Sitzung kann es aber hilfreich sein, sich einmal von allen Bremsen im Kopf zu befreien und neuen Ideen ihren Raum zu lassen.

Im weiteren Verlauf der Planung, wenn aus Ideen konkrete Pläne und Modelle (z.B. Logframe) werden, bleibt noch genügend Zeit für die herkömmliche geordnete und kritische Herangehensweise.

Brainstorming?

In vielen Fällen ist das altbekannte Brainstorming das Mittel der Wahl am Anfang einer Projektplanung. Inzwischen wird dies jedoch kritischer gesehen (siehe auch verlinkten Wikipedia-Artikel), denn es gibt Hinweise darauf, dass Brainstorming sogar Ideen hemmt anstatt sie zu fördern. Hat man viele „Beobachter“ im Team oder ist es einfach lange nicht üblich gewesen, wirklich neue Ideen und Ansätze im Team oder der Organisation auszuprobieren, stößt das herkömmliche Brainstorming schnell an Grenzen.

Au ja! …und dann? Vom Impro lernen heißt spinnen lernen

Je nach Dynamik und Offenheit eines Teams finde ich es hilfreich, mit den Grundprinzipien des Improvisationstheaters („Impro“) zu arbeiten: „Au ja!“ sagen, Angebote annehmen und dadurch Fäden und Geschichten weiter spinnen. („Spinnen“ darf hier ruhig auch im Sinne von „Verrücktes ausdenken“ verstanden werden, eine gute Möglichkeit, alte Denkmuster zu durchbrechen und zu erneuern).

Beim Improvisationstheater spielen die SpielerInnen Szenen nach der Vorgabe des Publikums. Nichts ist einstudiert und die Improvisation lebt davon, das anzunehmen, was kommt und es weiterzuspinnen. Imaginäre Bälle auffangen und weiterzugeben.

Das „Au ja“-Prinzip bedeutet, dass ich die Idee, die mir eine Mitspielerin (oder ein Kollege) zuwirft, als Angebot annehmen muss, damit sich eine Geschichte entwickeln kann. Ähnlich funktioniert die Frage „und dann?“, die Improspieler ebenfalls immer mitdenken.

Antworte ich auf die Frage „Sollen wir eine Reise machen?“ mit „Ach nein“, ist die Geschichte um bevor sie beginnen kann. Das wollen Zuschauerinnen auf der Bühne nicht sehen. Sie wollen erfahren, was „und dann“ passiert.

Ähnliches kann einen frühen Planungsprozess kreativ anregen: Reagiere ich auf die Idee einer Kollegin und spinne sie weiter, kann das einen spannenden Prozess auslösen, der dem Team ermöglicht, sich ein wenig aus den hergebrachten Denk- und Planungsstrukturen zu lösen.

  • „Wir könnten eine Startveranstaltung für 2000 Besucherinnen veranstalten“ – „Wird das nicht viel zu teuer“ „Und wer soll das organisieren?“

ist etwas anderes als

  • „Wir könnten eine Startveranstaltung für 2000 BesucherInnen veranstalten.“ „Und dann laden wir einige lokale Bands ein und veranstalten einen Publikumswettbewerb.“ „Au ja, das ist das eine super Möglichkeit, unsere Ehrenamtlichen mit einzubinden“ „…“.

Wie beim Brainstorming geht es zunächst nicht um die konkrete Machbarkeit oder die Bewertung einer Idee, sondern darum, spontane Einfälle weiterzudenken, Geschichten zu finden und Gedankenketten zu bauen. Alle können in späteren Prozessen, z.B. mit der Hilfe von Karten und Pinnwänden, geordnet werden. Aber später, nicht jetzt.

Im frühen Stadium einer Projektplanung kann es also Sinn machen, mit Ideen zu improvisieren. Die Beteiligten sollen dabei ein Gefühl für das „Au ja!“ haben und offen für eine Vielzahl an Möglichkeiten sein, Ideen aufzunehmen und fortzuspinnen. Je nach Gruppengröße kann eine solche „Impro-Planung“ im gesamten Team oder in Kleingruppen erfolgen.

Fehler? Kein Problem, machen wir doch alle

„Heiter scheitern“ ist ein weiterer Grundsatz im Improvisationstheater. Fehler gehören dazu und wir alle scheitern ständig, auch die Profis. Ebenso sollten daher zu Anfang eines Planungsprozesses auch Ideen zugelassen werden, die vielleicht nicht auf Anhieb wie der große Wurf anmuten. Und wenn sich doch etwas als vollkommen verrückt erweist: Egal, es kommt aufs Weitermachen und erneut Versuchen an. Spinnen ist erlaubt!

Mit Improvisation gegen die Barrieren im Kopf

Abgesehen von der Möglichkeit, neue Ideen zu spinnen, bringt die Methode auch viel Spaß, was wiederum ein gutes Klima für den weiteren Planungsprozess schafft. Es geht hierbei nicht einfach um „heiteres Miteinander“, sondern darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass viele Wege zum Ziel führen und dass oft unbewusste blockierende Prozesse in unseren Köpfen ablaufen, die in der frühen Planungsphase nicht immer notwendig sind. Diese Barrieren im Kopf werden im weiteren Planungsprozess schon früh genug wieder auftauchen in Form von Zeit- und Budgetvorgaben oder bestimmten Richtlinien, deren Einhaltung beachtet werden muss.

 

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Arbeite auch viel mit den Methoden und kann alles Gesagte voll unterstreichen.
    Für alle die „solche“ Ansätze interessieren zu empfehlen ist die Konferenz des applied Improvisation Network 2. – 5. Okt in Berlin http://ainconference.org/

  2. Pingback: Links zum Wochenende #40 | Claire Grauer

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