Claire Grauer

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Gastbeitrag: “Unser Tanz-Video erschien in einem Traum mit Gott”

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Kirche nahe Murchinson Falls, Uganda (Quelle flickr, Rod Waddington)

Ein Gastbeitrag von Dr. Tobias Denskus zu einem Thema, das bislang keinen Einzug in deutschsprachige Medien gehalten hat.

Warum amerikanische Missionarinnen in Uganda globales Kopfschütteln auslösen

Die vier Missionarinnen des Luket Ministry’s, die zu Justin Timberlake’s Lied „Sexy Black“ ein ironisches Video über das Leben im ländlichen Uganda gedreht haben,  hatten den globalen Mini-Shitstorm sicherlich nicht eingeplant.

Gedacht war das Ganze als Werbung für zukünftige MissionarInnen. Und so wundert es nicht, dass die anfänglichen Reaktionen der Luket Ministry etwas ungeschickt waren: Es gäbe, ähnlich wie bei Thema Abtreibung, Homosexualität oder Präsidentschaftswahlkampf, kein „richtig“ oder „falsch“ und wem das Video nicht gefalle, der solle es doch bitte nicht anschauen. Auch eine später nachgeschobene Entschuldigung, dass man natürlich niemanden habe beleidigen wollen kam eher nicht so gut an.

KommentatorInnen aus Uganda, der ugandischen und afrikanischen Diaspora gehören zu den ersten und besonders kritischen Stimmen. Aber auch innerhalb der globalen entwicklungspolitischen Diskussionsrunden wurde schnell deutliche Kritik am missionarischen Eifer laut.

Warum die Aufregung?

Zunächst einmal bedient sich das Video einer Bildsprache die im Zeichen von white savior-Kritik unangemessen wirkt. Nicht ein einziger ugandischer Mensch tritt in dem Video auf – mit Ausnahme dreier (Waisen-)Babies die die weißen Retterinnen aus dem amerikanischen Süden in ihrem Waisenhaus versorgen. Das Video verpasst die Ausfahrt „Stereotypen ironisch gebrochen“ und fährt mit Vollgas ins christlich-bibeltreue Missions-Nirvana.

Aber bei der Kritik geht es um mehr als nur ein „schlechtes“ 5-Minuten Video. In allen Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit, von Freiwilligendiensten und Praktika hin zu langjährigen multilateralen Grossprojekten, sind in den letzten Jahren wichtige und komplexe Diskussionen geführt worden.

Christliche Missionsprojekte dagegen beteiligen sich bislang wenig bis gar nicht daran (eine Ausnahme mit Kommentar zum aktuellen Video-Fall findet sich hier). Ausgerüstet mit guten Intentionen (mehrere KommentatorInnen merken verteidigend an, dass die Familie hinter dem Luket Ministry ja ihre weltlichen Besitztümer verkauft hätte um ihren Missionsaufenthalt zu finanzieren) und der Bibel anstatt eines Projektmanagementhandbuchs werden die armen Waisenkinder vor Ort versorgt.

10 Gebote statt DAC-Kriterien

In einem Dunstkreis von unregulierter Kirchen- und Sozialarbeit, radikaler christlicher Ideologie und oberflächlichem EZ-Tourismus werden OECD-DAC Evaluierungskriterien schnell mit den 10 Geboten ersetzt. Kurzum, wir sollten im Jahr 2016 einfach weiter sei, als diesen Teil der „worst practice“ weiter zu führen (oder zu dulden, denn bisher habe ich noch keine Kritik zum Video von Seiten der christlich-kirchlichen EZ gelesen).

Hinzu kommt, dass sich Luket und andere Organisationen eher nicht als „lernende Organisationen“ präsentieren. Wer glaubt, nur Gott rechenschaftspflichtig zu sein, kann es sich natürlich sehr einfach machen mit irdischen Ansätzen zu nachhaltiger Projektarbeit. Leider stellt man sich radikale Missionierungsinitiativen aus dem amerikanischen Süden genau so vor. Auch muss man sicher im Hinterkopf behalten, dass das politischen Klima in Uganda mit zu den expandierenden Kooperationen zwischen lokalen und amerikanischen Kirchen beiträgt; Homophobie ist dazu nur ein Stichwort.

Die schnelle, berechtigte und deutliche Kritik, oftmals vorgetragen von einer jungen Generation von ugandisch-stämmigen AktivistinInnen, ist ein ermutigendes Zeichen – auch wenn man sicher darüber diskutieren kann, was derartige Kritik in radikal-religiösen Kreisen wirklich bewirken kann.

Schlechte Werbung schadet der gesamten EZ

Aber es geht hier um mehr als Uganda: Schlechte „Werbe“-Videos die schlechte EZ präsentieren gehen die gesamte community an: die Reaktionen zeigen, dass die Diskussionen zum white savior complex, zu kultureller Aneignung und zum Waisenhaus-Volontourismus bereits weite Verbreitung gefunden haben und hoffentlich zu einem besseren weil reflektierterem globalen Engagement führen. Im post-faktischen Zeitalter ist es schwer, gegen Gott-gesandte Träume von MissionarInnen Argumente zu liefern, aber einen Versuch, Blogpost für Blogpost, sollte es uns wert sein.

Dr. Tobias Denskus ist Senior Lecturer in Communication for Development, Malmö Universität
Twitter: @aidnography
Blog: Aidnography

 

 

 

 

 

 

 

 

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