Claire Grauer

Förderanträge | Beratung | Globales Lernen

Bei #allmalepanels geht es um mehr als um (nicht) redende Frauen

| Keine Kommentare

Ein Gastbeitrag von Dr. Tobias Denskus, der gerade in einem aktuellen Beitrag von NPR zu diesem Thema befragt wurde.

Ein #allmalepanel (Quelle: World Bank, https://twitter.com/WorldBankLive/status/721460689236271104)

Ein #allmalepanel
(Quelle: World Bank, https://twitter.com/WorldBankLive/status/721460689236271104)

Zugegebenermaßen hat das Panel der Welt Bank es sehr einfach gemacht, Kritik auf sich zu ziehen: Da saßen sie auf dem Podium, 11 Männer in fast identischen Anzügen, moderiert von einer BBC-Journalistin als weibliches Feigenblatt. „Die Zukunft von Infrastrukturinvestitionen“, ein wichtiges Thema bei dem es um viel Geld geht, liegt also fest in männlicher Hand.

Bevor ich mich inhaltlich mit dem Thema auseinandersetze: Derartige Panelzusammensetzungen sind einfach schlechte PR für jede Entwicklungsorganisation. Und da ich akademisch zu Entwicklungs- und Kommunikationsthemen lehre und forsche, bemerke ich zwei sehr ähnliche Diskussionsfelder in Wissenschaft, Politik und breiteren Entwicklungsdiskursen: Im öffentlichen Raum sind Männer überproportional sicht- und hörbar; in den meisten Fällen in Verbindung mit weiteren Privilegien wie Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Alter und generell akzeptierter Präsentierbarkeit.

Alle reden von „Komplexität“ und „Innovation“ – z.B. die vier männlichen Experten im Anzug auf dem Podium

Natürlich haben die SpeakerInnen recht mit ihrer Aktion dass es hier in erster Linie um die „50%“ geht und ihre Webseite veranschaulicht sehr gut wie weit viele Branchen davon entfernt sind auch nur ansatzweise Frauen einen Platz in der Öffentlichkeit einzuräumen . Andererseits gibt es eine wachsende Gruppe profilierter Frauen in entwicklungspolitischen Führungspositionen – aktuell in der Debatte um eine mögliche UN-Generalsekretärin – generell sind die Statistiken für Leitungspositionen im UN System aber nicht sonderlich ermutigend. Doch die Herausforderungen für entwicklungspolitische Panels lassen sich nicht alleine auf „mehr Frauen“ reduzieren.

Von Bäuerinnen, norwegischen Frauen & der Abwesenheit „der Armen“

Geht man etwas tiefer in aktuelle Debatten, stellt man schnell fest, dass das Problem multidimensional ist. Auch wenn ich das LinkedIn-Profil der Asian Development Bank (ADB) nicht systematisch analysiert habe, so fällt auf, dass Fotos sehr oft entweder Männer in Anzügen („Experte“) oder Frauen als Bäuerinnen oder erfolgreiche Geschäftsfrauen zeigen. Es ist nicht die alleinige Schuld einer großen internationalen Organisation, dass derartige Rollenbilder noch immer sehr stark verankert sind, oder das „Erfolg“ in sehr enger Weise definiert wird, aber natürlich hat auch die ADB eine Verantwortung sich aktiv für sozialen Wandel einzusetzen.

In Norwegen beobachtet @NoAllWhitePanel Panels und öffentliche Veranstaltungen vorwiegend in Oslo und kritisiert die Abwesenheit von ExpertInnen des globalen Südens.

Der ICT4D Experte Tim Unwin teilte neulich seine Reflektionen, warum so wenige „Arme“ an Veranstaltungen teilnehmen, die sich um sie, ihre Probleme und damit verbundene technische Herausforderungen drehen. Wenn 95% der TeilnehmerInnen zur globalen, mobilen Elite gehören, sagt es sich leicht, wie schön es doch ist, dass statistisch gesehen jeder Mensch Zugang zu einem Mobiltelefon hat.

Es geht also um mehr als Platz zu schaffen für mehr Frauen in Panels. Relevante Expertise zu präsentieren ist auch im stetig wachsenden Konferenz-Zirkus noch viel zu stark an männliche Eliten gebunden, aber die Vielschichtigkeit von Entwicklungsproblemen braucht flexible Ansätze.

Was kann man tun um Panels vielfältiger zu machen?

1. Weniger Panels
Fast noch interessanter als die Kritik an der Zusammensetzung der Panels fand ich @NoAllWhitePanel’s Hinweis, dass in einer normalen Woche alleine in Oslo mindestens 9 Veranstaltungen mit entwicklungspolitischen Inhalt stattfinden. Es wird viel, wahrscheinlich zu viel, ge-konferenzt und ge-workshopped. Weniger, dafür besser durchdachte Panels, sind ein Ansatz – und dann kommen die ExpertInnen auch fast von alleine.

2. Mehr Technologie
Auch wenn man in Norwegen möglicherweise die Ressourcen hätte, es müssen ja nicht immer gleich hohe Reise- und Umweltkosten entstehen. Wenn man, sagen wir mal, Wahlen in Tansania analysieren möchte, kann man doch gut ExpertInnen aus Dar-Es-Salaam oder London virtuell einladen (das löst nicht sofort alle Probleme der Elitenrepräsentation).
Auch bei Grosskonferenzen könnten vernünftige digitale Lösungen zu mindestens mittelfristig helfen, größere Diversität zu bekommen. Auch hier gilt: das ist keine perfekte Lösung und Fragen über Kosten, Visa oder Repräsentation vor Ort müssen ebenfalls angegangen werden.

3. Besseres Netzwerken
„Wo kriegen wir jetzt noch eine Frau für unser Panel her?“ sollte ein Satz sein, der in keiner Organisation mehr fallen darf. Jede gesellschaftspolitisch engagierte Organisation muss im 21. Jahrhundert so vernetzt sein, dass Diversität ein natürlicher Prozess ist, den man thematisch problemlos anpassen kann. Gerade die sozialen Netzwerke bieten gute Möglichkeiten, kritische oder innovative Menschen zu finden, die nicht automatisch auf Gästelisten auftauchen würden.

4. Vorsichtig bei Durchschnittswerten und „all-female“ Panels
Ich hatte vergangene Woche eine Diskussion während einer Veranstaltung von UNCTAD. Viele der Panels waren von männlichen Sprechern dominiert, weibliche Akteure oft als Moderatorinnen eher am Rande des Geschehens involviert. Aber es gab auch ein Panel mit 100% weiblichen Sprecherinnen. Das ist ganz prima und verändert dann auch positiv die Durchschnittswerte, löst aber wiederum nicht das Problem von Diversität.

5. Nicht jeder Mann ist ein „mansplainer“
Natürlich kann man mir hier einen gewissen Selbstschutz vorwerfen…aber Diversität bedeutet auch, dass Männer über 50 mit EU-Pass durchaus zu Veranstaltungen eingeladen werden dürfen J. Nicht jeder Mann ist ein selbstverliebter „mansplainer“. Auch hier gilt, dass man über den Tellerrand von Titeln oder bekannten Organisationen oder „Elite-Unis“ hinausschauen muss, um interessante, relevant Expertise zu finden.

Es ist sicherlich richtig, dass das Thema in entwicklungspolitischen Kreisen ernst genommen wird, und viele Panels sehen tatsächlich eher so aus wie bei Sida, aber gerade wenn es um „high-level“ Veranstaltungen geht, ist der elitäre Mann im Anzug noch deutlich überrepräsentiert. Soziale Medien und der oft zu recht kritisierte „hashtag“-Aktivismus leisten daher auch weiterhin einen wichtigen und effizienten Beitrag, um die Diskussion im Gang zu halten und Organisationen Spiegel vorzuhalten, solange dies noch nötig ist.

Dr. Tobias Denskus ist Senior Lecturer in Communication for Development, Malmö Universität
Twitter: @aidnography
Blog: Aidnography

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.